Offener Brief an die ARD

1. September 2026

Liebe Kolleginnen und Kollegen in der ARD,

vor sechs Jahren, zu Beginn der Coronapandemie, habe ich als Datenjournalist im AI + Automation Lab des Bayerischen Rundfunks den Vorschlag gemacht, eine eigene Karteninfrastruktur auf Open-Source-Basis aufzubauen – für die vielen Karten zu Infektions- und Impfzahlen, aber auch für all die anderen datenjournalistischen Projekte. Eines der Argumente war schlicht die Kosteneinsparung: Bei den Zugriffszahlen von tagesschau.de kann eine einzige interaktive Karte bei kommerziellen Anbietern sechsstellige Beträge im Monat kosten. Eine eigene Lösung kostet nur ein Tausendstel davon und hat darüber hinaus viele technische und datenschutzrechtliche Vorteile. Mein Vorschlag wurde jedoch abgelehnt.

Im Jahr 2023 habe ich die Idee im SWR Data Lab erneut aufgebracht. Dort wurde sie angenommen. Die entwickelte Open-Source-Lösung verbreitete sich unter dem Namen „VersaTiles“1. Heute betreiben NDR und SWR VersaTiles in ihrer eigenen Infrastruktur. Sie ist sogar in das ARD-CMS „Unified Sophora“ integriert und soll schrittweise weiteren Anstalten zur Verfügung stehen. Faktisch ist VersaTiles damit auf dem Weg, die zentrale Kartenlösung der ARD zu werden.

Meine Mitarbeit endete 2024 überraschend, ohne dass mir eine Begründung genannt wurde. Relevant ist hier: VersaTiles wurde weiter ausgerollt, aber es gab niemanden mehr im Haus, der dafür verantwortlich war.

Seitdem habe ich innerhalb der ARD nach einer Abteilung gesucht, in der das Projekt untergebracht werden könnte. Trotz vieler E-Mails und Gespräche ließ sich in den letzten 30 Monaten keine finden. Die Frage wurde von einem Gremium zum nächsten weitergereicht. Niemand fühlte sich zuständig.

Das ist kein Vorwurf. Ähnliche Probleme bei der digitalen Transformation haben viele andere Organisationen auch. Ich stelle nur fest, dass die öffentlich kommunizierte Digitalstrategie der ARD an dieser Stelle noch keine Entsprechung in den Strukturen des Hauses hat.

Dass VersaTiles trotzdem weiterentwickelt werden konnte, ist den Förderungen der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MIZ)2 und der Europäischen Kommission (NLnet)3 sowie einer großen Community4 zu verdanken.

Inzwischen ist VersaTiles eine vollwertige, datenschutzkonforme Alternative zu den kostenintensiven, kommerziellen Kartenplattformen. Es bietet weltweite Vektor- und Satellitendaten5, hochauflösende Luftbilder für halb Europa, einen Karteneditor für Redaktionen6, ein 3D-Animationswerkzeug für Fernsehproduktionen7 und zahlreiche weitere Werkzeuge. Die öffentliche Übersicht zeigt über 70 Projekte aus mindestens 19 Ländern.8 Damit ist VersaTiles vermutlich das erfolgreichste Open-Source-Projekt, das je aus der ARD hervorgegangen ist.

Inzwischen entwickeln auch private Medienhäuser eigene Kartenlösungen. So liefert beispielsweise DER SPIEGEL seine Karten bereits über die eigene Infrastruktur aus. Diese Lösungen erreichen zwar bei weitem nicht den Funktionsumfang von VersaTiles, haben aber einen strategischen Vorteil: Ihre Kontinuität ist sichergestellt, da die Entwicklerinnen und Entwickler bezahlt werden.

Der Versuch, es breiter zu tragen

Da sich in der ARD keine Trägerschaft finden ließ, habe ich die Gründung eines Konsortiums vorgeschlagen9. Zehn Organisationen – Medien, Unternehmen und Verwaltung – tragen VersaTiles gemeinsam mit monatlich 700 Euro. Das Modell stellt die geteilte Verantwortung für eine Infrastruktur sicher, die alle Beteiligten nutzen können.

Insgesamt wurden 54 Organisationen von mir angeschrieben. Eine hat zugesagt. Die meisten haben nicht geantwortet. Aus den Gesprächen, die ich in dieser Zeit geführt habe, konnte ich eine wichtige Erkenntnis gewinnen: Es gibt zwar Budgets für digitale Projekte, jedoch kein Budget für digitale Infrastruktur. Dabei ist Infrastruktur die Voraussetzung für die Projekte aller anderen – und genau deshalb die Verantwortung von niemandem. Infrastruktur hat keine Fürsprecher und keinen Etat.

Anders ausgedrückt:

Für die hohen Preise kommerzieller Plattformen findet sich immer ein Budgettopf.
Aber für Open Source und digitale Souveränität, selbst wenn sie enorme Kosten einsparen würden, gibt es keinen Plan, keine Zuständigkeit und keine Kostenstelle.

Das ist keine Eigenart der ARD. Es ist die Lücke, durch die in Europa ein Open-Source-Projekt nach dem anderen fällt. Die ARD ist jedoch eine der wenigen Institutionen, die groß genug wäre, um hier Vorbild zu sein und diese Lücke – wenigstens im eigenen Interesse – zu schließen.

Was ich nicht tun werde

Ich könnte die Lizenz ändern und VersaTiles kommerzialisieren. Mit einer Business Source License wären alle kommerziellen Nutzer – auch die ARD – verpflichtet, für die Nutzung von VersaTiles zu zahlen. Damit würde das Projekt jedoch den Open-Source-Charakter verlieren. Deshalb versichere ich: Auch wenn große Organisationen VersaTiles nutzen, ohne dafür zu zahlen, bleibt VersaTiles Open Source und frei.

Wie es weitergeht

Wie ich mehreren Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern bereits mitgeteilt habe, war der 1. September mein Stichtag. Er ist heute. Die Förderungen sind ausgelaufen, und meine finanziellen Reserven sind aufgebraucht.

Ich werde VersaTiles nicht aufgeben. Ich habe die Verantwortung für dieses Projekt übernommen und werde sie bestmöglich weiter tragen. Allerdings werde ich mir eine Anstellung suchen müssen. Ich hoffe, einen Arbeitgeber zu finden, der dabei hilft, VersaTiles als Open-Source-Projekt weiterzuführen. Wenn mir das nicht gelingt, muss VersaTiles leider wie viele andere Open-Source-Projekte ein reines Ehrenamtsprojekt werden. Es bliebe für die ARD und alle anderen weiterhin frei nutzbar, jedoch würde die digitale Infrastruktur, die von mehreren Landesrundfunkanstalten produktiv eingesetzt wird, dann von der verfügbaren Freizeit einer einzelnen Person abhängen.

Ich schreibe diesen Brief nicht, um mich zu beklagen. Ich bin dankbar dafür, dass wir gemeinsam einen Schritt vorwärts gekommen sind. Aber wir brauchen Strukturen, um auch den zweiten und dritten Schritt gehen zu können. Die ARD war beim Aufbau dieser digitalen Infrastruktur Vorreiter, aber für den Erhalt und die Weiterentwicklung muss jemand die Verantwortung übernehmen. Solange ich dabei keine Unterstützung erhalte, muss ich die Verantwortung eben allein tragen.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Kreil


NDR: Zensus 2022 – Mietpreise im Norden NDR: Verkehrsmeldungen für Norddeutschland NDR: Wetter NDR: Dorfgeschichten aus Mecklenburg-Vorpommern SWR: Hochwasser und Starkregen in Rheinland-Pfalz SWR: Benzin- und Dieselpreise SWR: Baden-Württemberg heizt größtenteils fossil
Sieben von über siebzig Projekten, die VersaTiles einsetzen – hier Karten von NDR und SWR.

Footnotes

  1. VersaTiles – Projektseite: https://versatiles.org

  2. Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) der Medienanstalt Berlin-Brandenburg: https://www.miz-babelsberg.de/foerderung/foerderprojekte-alumni/details/versatiles-editorial-tools.html

  3. Gefördert aus dem NGI0 Commons Fund von NLnet, finanziert durch die Europäische Kommission (Next Generation Internet): https://nlnet.nl/project/VersaTiles/

  4. Mitwirkende und Quellcode: https://github.com/versatiles-org

  5. Interaktive Demo der Karten-, Satelliten- und Höhendaten: https://tiles.versatiles.org

  6. VersaTiles-Karteneditor: https://versatiles.org/versatiles-map-editor/

  7. VersaTiles-Animationseditor: https://versatiles.org/versatiles-map-animation/

  8. Öffentliche Übersicht der Projekte, die VersaTiles einsetzen – darunter NDR und SWR: https://docs.versatiles.org/showcases/

  9. Aufruf zur Gründung des Konsortiums und aktueller Stand: https://versatiles.org/consortium/de